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22.08.2016 10:48 Alter: 216 days

Architekt bringt Leben in alte Mühle von Kapellendorf

Kern der Anlage stammt aus dem 18. Jahrhundert. Sanierung und Modernisierung unter voller Beachtung des Denkmalschutzes


Steht man neben der Landstraße nach Kapellendorf und blickt hinunter auf die Niedermühle, so sieht das Anwesen mit seinen Natursteinmauern, Gebäuden und Nebengelass wie eine kleine alte Klosteranlage aus. Allerdings eine, an der seit Jahrzehnten nichts mehr geschehen ist. Ein Albtraum für den gemeinen Häuslebauer – ein Traum für Martin Dittmann.

Der 33-jährige Architekt und seine Frau Barbara haben die Mühle nebst einem Hektar umliegendes Land gekauft. Sie wollen hier für sich und ihre Kinder ein Nest bauen. Und mehr: In die alte Scheune passen nämlich zudem noch zwei Wohnungen nebst einem Büro für Dittmann.

Ein Fass ohne Boden, eine Lebensaufgabe? Der Baufortschritt quasi neun Wochen nach dem Start lässt anderes vermuten. Zunächst geht es an der Scheune voran.

Die weggebrochene Mauer wurde wieder repariert, derzeit geht es dem opulenten Dachstuhl ans Holz. Verfaulte Binder und Sparren, Balkenköpfe und Verbinder werden ersetzt und verstärkt, erläutert Tino Stolz, der gemeinsam mit Thomas Boden die Baustellenleitung übernommen hat. Unterplatten aus Holzweichfaser, Platten, Schilfmatten als Träger für den Lehmputz ... offensichtlich legt der Bauherr großen Wert auf ökologisches Bauen. Das, so Dittmann, ist seiner beruflichen Herkunft geschuldet. Nicht nur, dass er selbst als Zimmerer von der Pike auf gelernt hat. Nach dem Architekturstudium in Münster und Karlsruhe hat er direkt in der Denkmalpflege gearbeitet. Hier fühlt er sich Zuhause.

Ein befreundetes Architektenpaar, dass sich vor zwei Jahren selbst für die Niedermühle interessierte, hatte die Dittmanns auf das schön gelegene Objekt aufmerksam gemacht. Und Dittmanns waren sich schnell einig. Die Nähe zu den Universitätsstädten Weimar und Jena und doch die Abgeschiedenheit in ländlicher Idylle gaben den Ausschlag.

Der Kapellendorfer Jürgen Elstermann empfing die beiden mit offenen Armen. Weiß er doch um die jüngere Geschichte der Niedermühle. Die Vorbesitzer hatten zwar ein schmuckes großes Tor in die Scheune gebaut, aber in Sachen Bausubstanz waren es wohl mehr oder weniger Bastler. Das hat mehr gefährdet als saniert.

Dass Kapellendorf mit den neuen Besitzern mehr Glück haben wird, lässt sich jetzt schon ablesen. Alles Unhistorische und Faule wurde entkernt, die Sanierung der Scheune läuft auf Hochtouren. Die neue Esse ragt hoch in der Scheune auf. Sie wird die Emissionen einer Holzpelletheizung ableiten, die eine Wandflächenheizung speist. Ein Tiefbrunnen ist bereits angelegt, auch eine vollbiologische Kläranlage installiert – Auflagen der unteren Wasserschutzbehörde.

Apropos Auflagen: Die Niedermühle steht als Einzeldenkmal unter Schutz. Das bedeutet für die Dittmanns, bei jeder Veränderung zunächst einmal bei den Denkmalschützern anzuklopfen. Doch mit denen komme man gut zurecht, so Martin Dittmann. Er will ja bis auf ein, zwei größere Fenster ohnehin bei den alten Proportionen bleiben. Und auch beim alten Anblick – so wird die Natursteinschale erhalten beziehungsweise ersetzt und kommt selbstverständlich ein Kalkputz an die Wände.

Aber – wäre da ein Neubau nicht preiswerter gekommen. Der junge Architekt lächelt. Er weiß freilich, dass sich das nicht vergleichen lässt. Und er hat sich ausgerechnet, was er in Freiburg im Breisgau, seinem letzten Wohnsitz, für eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung als Miete hinblättern muss. Das kann er freilich auch in eine Kredittilgung stecken, auch wenn es sicherlich der längere Weg ist. Und eine Mühle aus dem 18. Jahrhundert ist eine Mühle aus dem 18. Jahrhundert.

Bei den Handwerkern verlässt er sich zum Teil buchstäblich auf alte Seilschaften. Eine ganze Reihe von Wandergesellen arbeitet zurzeit auf der Baustelle. Und kommt gut mit dem Bauherren aus. Was Wunder – ist Martin Dittmann doch selbst als Zimmerer vier Jahre auf der Walz gewesen.

Noch haust die Familie selbst im Bauwagen. Im Herbst will man einziehen. Und schon im Frühjahr sollen schon die ersten Mieter vor der Tür stehen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt schaut auch die TA wieder nach dem Rechten.

Quelle: Thüringer Allgemeine Zeitung  / 18.08.16 /