Warum Kapellendorf Thomas Müntzer mit einem Standbild ehrt

Die evangelische Kirchgemeinde gab im Jahre 1975 ihrem Gemeindezentrum den Namen des Priesters und Revolutionärs Thomas Müntzer. Seither stand das religiöse Leben und die kirchliche Arbeit deutlich im Zeichen von Müntzers Erbe: an einer Gesellschaft mitzuwirken, die ein Höchstmaß an Gerechtigkeit anstrebt.

Im Jahre 1989 wurde in der Öffentlichkeit des Landes an den 500. Geburtstag des Reformators Müntzer erinnert, der eher als Luther den Gottesdienst eindeutschte, der vorher nur lateinisch zelebriert wurde. Auch einige Kirchenlieder schrieb er, von denen eines im neuen Evangelischen Gesangbuch steht: 'Gott, heiliger Schöpfer aller Stern' (EG Nr.3). Wir beauftragten den Weimarer Maler und Keramiker Eberhard Heiland, ein Standbild zu schaffen, das vor der Kirche und dem Gemeindezentrum stehen sollte. Heilands Bilder hatten bereits seit 1983 die Wandnischen der Kirche geschmückt.

Am 24. Juni 1989 war es soweit. Es fügte sich günstig, daß wir zur Einweihung des Müntzer-Standbildes gleichzeitig zu einem Sommerkonzert in unsere Kirche einladen konnten. Das Schülerorchester der Weimarer Musikschule 'Ottmar Gerster' spielte hingebungsvoll bekannte Orchesterliteratur - unvergesslich dabei der Radetzky-Marsch unter dem Dirigent von Hartmut Geppert, dem heutigen Direktor der Musikschule. Auch zwei Kapellendorfer Musikschüler waren unter den Spielern.

Die Einweihung 1975

Mit einer Lied-Andacht vor dem Gemeindezentrum wurde zuvor das Standbild enthüllt. Als Ortspfarrer sagte ich damals:

Liebe Mitbürger und Freunde dieses Gemeindezentrums, liebe Gäste!

Unser kleiner Ort hat heute einen neuen Einwohner bekommen. Thomas Müntzer, eine Ideen-Plastik, wird von nun an den Besuchern dieses Ortes vor Augen führen, daß sein Geist hier zu Hause ist. Was für einen Geist haben wir mit Thomas Müntzer in unseren Mauern?

Thomas Müntzer war Theologe, war ein Priester der mittelalterlichen römisch-katholischen Kirche, der wußte, daß dieses Mittelalter zuende ging. Mit vielen anderen Menschen verband ihn die Hoffnung, die Sehnsucht nach einer ganz und gar erneuerten, zum Besseren gewandelten Kirche und Gesellschaft. Er entdeckte sich selber und fühlte sich im Laufe seines intensiven, unruhigen Lebens immer stärker und deutlicher als ein 'williger Botenläufer Gottes'. Mit solchen und ähnlichen Zusatz-Aussagen versah er des öfteren seine Unterschrift.

Er wußte sich als ein Bote Gottes gesandt zu den Menschen, um sie anzusprechen und wach zu rütteln für den Empfang des Geistes Gottes. Ähnlich wie Johannes der Täufer, dessen Gedenktag wir heute begehen, wußte er sich von Gott dazu geschickt, tiefgehende Veränderungen von Kirche und Welt anzusagen. Und genau wie die Gestalt des Täufers in der Wüste rief er seine Mitmenschen zur SinnesÄnderung auf. 'Kehrt um von euren bösen Wegen, denn Gottes Gegenwart ist mitten unter euch', so hatte Johannes gerufen. In zweierlei Gefangenschaften sah Thomas Müntzer die Menschen seiner Zeit versklavt: in die Tyrannei des Mangels und in die Tyrannei der Furcht. Von diesen schrecklichen Versklavungen wollte er seine Mitmenschen befreit sehen: vom Elend des Hungers und vom Elend der Menschenfurcht. So entwickelte er sich zu einem ganz eigenständigen und eigenartigen Lehrer des Evangeliums, der einmal als Lutheraner begonnen hatte und dann doch am Ende ein ganz unverwechselbarer Erzieher seiner Gemeinde wurde. Erst wenn das menschliche Herz frei ist von Furcht und frei von der Sorge um das tägliche überleben, kann einer etwas von Gott verstehen. Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Friedens braucht Menschen, die dafür offen sind und dafür leben. Und das können sie nur frei von Hunger und Angst. Und Thomas Müntzer fing bei der Angst an. Er lehrte die Menschen ihre Angst vor der allmächtigen Kirche und den allmächtigen Fürsten abzustreifen. Und er tat das als ein gelehrter Prediger des Evangeliums. So ist er - das können wir besonders in seiner Allstedter Pfarrertätigkeit beobachten  - der geworden, der das Volk die Gerechtigkeit Gottes, die Absichten und Ziele Gottes aus der Bibel erklärt, so daß die Leute frei werden von falscher Menschenfurcht.

'Deshalb mußt du, gemeiner Mann, selber gelehrt werden, damit du nicht länger verführt werden kannst.'  Dieser für uns ganz wichtige Satz aus einer Schrift Müntzers ist hier auf der Plastik dargestellt. Mit diesem Buch in der Hand, und zwar mit dieser aufgeschlagenen Bibel, mit der, die gelesen, diskutiert und besprochen wird, ist er der willige Botenläufer Gottes geworden. Er wußte: Wenn die Leute erst einmal so weit sind, daß sie Gottes Willen in ihrem Herzen verstehen und deuten können und seine Forderung selber überprüfen können durch die Kenntnis der Heiligen Schrift - dann haben sie 'den wahren, unüberwindlichen Christenglauben' gefunden und 'den falschen, erdichteten Glauben' abgelegt.

Deshalb gebährt ihm das Verdienst, als erster die Messe, den Gottesdienst, in deutscher Sprache eingeführt zu haben. Deshalb ist er ein Meister geworden in der Ãœbersetzung und Verständlichmachung der Gesänge und Gebete der Kirche. Eines seiner Lieder aus dem 'Deutschen Kirchenamt zu Advent' haben wir vorhin gesungen. Dieser Müntzer mit der aufgeschlagenen Bibel, der nach Willen Gottes für die jeweils gegenwärtige Zeit fragt, war und ist und soll auch zukünftig sein die Leitfigur unseres kirchlichen Lebens hier an diesem Ort.

Und nun noch ein Wort zur anderen, der zweiten Form der Sklaverei, von der ich sprach. Die Armut und das Elend seiner Zeit schrien zum Himmel. Und je mehr er, der aus dem Bürgertum stammende, mit den Habenichtsen und Elenden in Berührung kam, umso deutlicher spürte er in ihren Forderungen nach einem menschenwürdigen Leben den Ruf Gottes. Als sich die armen Bauern, Tagelöhner, die Bergknappen und die Elenden der Vorstädte aufmachten, sich versammelten und loszogen, um ihre Forderungen an die Reichen zu richten, konnte und wollte er sich nicht der Solidarität mit ihnen entziehen. Freilich hat er zunächst auch die reichen und mächtigen Herren und Fürsten zum Bund Gottes mit seinen Freunden bekehren wollen. Er hat sie ebenso zum Annehmen des Evangeliums gerufen wie die Armen. Aber ihre Ohren waren verstopft, ihre Herzen von den Reichtümern und Gütern dieser Welt total besetzt. So trat er mit der Regenbogenfahne an die Seite des Volkes, das Gottes Reich der Gerechtigkeit schon jetzt auf Erden erbeten und erkämpfen wollte.

Dieser Bauernkrieg ging verloren, Tausende verloren ihr Leben durch die Brutalität der Tyrannen, auch Müntzers Leib hat das Schwert des Scharfrichters getroffen. Die Rückseite des Standbildes verrät es dem nachdenklichen Betrachter. Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Friedens ist erst angebrochen, aber längst nicht vollendet. Aber die Völker sehnen sich stärker als je nach ihm, und unter den Menschen aller Nationen und Bekenntnisse ist die Suche nach dem Land der Menschlichkeit und des Friedens im Gange. Wir müssen heute unsere Wege dahin selber suchen und selber gehen. Wir können Antworten aus der Geschichte nicht automatisch übertragen in unsere Lebenswelt. Aber wir können Anstöße und Impulse von Menschen, von Gotteszeugen aufnehmen, wie Thomas Müntzer einer war. Zu den bewegendsten Erfahrungen für mich gehört das Wissen: Thomas Müntzer ist wie eine Brücke. Sowohl Christen als auch Kommunisten können in Müntzer einen Lichtträger für das Leben der Menschen sehen. Sowohl Gläubige wie Ungläubige erblicken in seiner prophetischen Gestalt einen leuchtkräftigen Erzieher der Menschen. Das Buch ist aufgeschlagen. Das Lernen, das Diskutieren, das Miteinander-streiten und das Miteinander-suchen nach guten Wegen für diese Menschheit hat erst richtig begonnen. 'Wir müssen wissen und nicht allein in den Wind glauben, was uns von Gott gegeben ist oder vom Teufel oder von der Natur.' Diese pädagogische Forderung Müntzers wollen wir an uns heranlassen, und wir wollen sie praktizieren, daß der gemeine Mann, also das Kind, der heranwachsende, der erwachsene wie auch der alte Mensch durch gemeinsames Kundig-werden immer mehr mündig wird, sein Leben als einen wertvollen Auftrag der Verantwortung für seinen Mitmenschen zu verstehen. Deshalb ist es gut, daß Bruder Thomas so leibhaftig in Kapellendorf steht. Möge er uns ermutigen, das Buch unseres Lebens aufzuschlagen und selber darin zu lesen.

Von dieser Versammlung schickten die anwesenden Mitarbeiter der Christlichen Friedenskonferenz einen Brief an die DDR-Regierung, in dem sie die Anwendung von Todesurteilen bei den politischen Unruhen in der Volksrepublik China verurteilten und unsere Staatsführung zur Einflußnahme auf die befreundete Volksrepublik aufforderten.

Peter Franz