In der Nacht vom 8. zum 9. April 1945 stürzte unweit des Asperteich, westlich von Kapellendorf die Besatzung eines britischen Bomber-Flugzeug der Royal Air Force ab. Sechs junge Männer, einige gerade mal 20 Jahre alt, fanden dabei den Tod.

Es waren die letzten Kriegstage im Frühling 1945 in Thüringen. Bis März war Thüringen mit Ausnahme der zunehmenden Luftangriffe noch frei von Kampfhandlungen. In Sachsen-Anhalt wurde für den Endsieg u.a. noch synthetischer Treibstoff hergestellt und in Thüringen neben der Produktion der sog. Wunderwaffen eine gigantische Kommunikationszentrale der Wehrmacht installiert. Daher wurden die Luftangriffe auf den Industriestandort um Merseburg mit dem Sitz des Mineralölwerk Wintershall A.G. in Lützkendorf verschärft und durch die 3. US-Panzerarmee unter General George Smith Patton trotz der noch anhaltenden Kämpfe in Hessen und den dort gebundenen Streitkräften ein zunächst nur zeitlich limitierter Vorstoß über die Werra bei Creuzburg nach Thüringen gewagt.
Während Patton mit seinen Männern das sog. "Amt 10" im Jonastal, trotz des noch immer anhaltenden Widerstandes der 11. Armee eroberte, stoppte er am 8. April 1945 die in 3 Corps aufgeteilten Verbände kurz vor Erfurt auf der Linie Meinigen - Ohrdruf - Gotha - Mühlhausen und setzte den Vormarsch erst am 11. April wieder fort.
In dieser Gefechtspause liegt nun das Ereignis, was sich schließlich in der Nacht zum 9. April 1945 in Kapellendorf zugetragen hat. Zu diesem Zeitpunkt nutzten u.a. die Wachmannschaften des nahegelegenen Konzentrationslagers Buchenwald die Gunst der Stunde und setzten sich in Richtung Osten über Kapellendorf unweit des dort noch am westlichen Ortsrand brennenden Flugzeugswracks ab. Ihnen folgten später dann die Truppen der 80. US-Infanteriedivision, die auf den Funkruf der Buchenwaldhäftlinge das Lager am 11. erreichten. Sie setzten den fliehenden Truppen entlang an der Autobahn zunächst bis Jena und dann weiter bis Hermsdorf und Plauen nach.

Am 18. April 1945 stießen Panzereinheiten von Pattons 3. Armee auf einen Zug elend gekleideter Häftlinge und Kriegsgefangener. Unter ihnen war der Brite Sgt. Elias William der Royal Air Force.

Sgt. William hatte nun einige Not seinen Befreiern zu erklären wer er ist und wie es ihm ergangen war. Er war der Heckschütze in einer von insgesamt 242 Lancaster Bombern, die am 8. April 1945 einen gefährlichen Einsatz geflogen sind.

Nach dem die Maschine gegen 22:50 Uhr von einer Flakgranate getroffene wurde, war er zunächst noch froh, auf den Befehl seines Kommandanten, heil aus dem brennenden Bomber gesprungen zu sein. Er sprang, als es ihm der blutjunge australische Pilot Captain Bernard Selby Woolstencroft aus Victoria und den weiteren 5 Besatzmitgliedern befahl. Sie hatten gerade ihr Ziel in Lützkendorf passiert. Dort hatten sie ihre tödliche Last, eine spezielle schwerlastige Bombe mit der bereits kurz zuvor das Schlachtschiff die Tirpitz im Norden Norwegens versenkt worden war, auf das Mineralölwerk abgeworfen. Es handelte sich dabei um einen Tallboy, eine Bunker brechende Schwerlastbombe von fast 6 Tonnen Gewicht.

Sie waren, in einer der insgesamt 18 entsprechend ausgerüsteten Lancaster Bomber des 9. Squadron der Royal Air Force, um 18:26 Uhr von der britischen Insel von Bardney aus gestartet. Um 22:40 Uhr erreicht die Lancaster Avro mit der Seriennummer NG235 und der Rufkennung WS-H zusammen mit weiteren 16 Maschinen das Zielgebiet. Eine der Maschine drehte bereits um 21:15 Uhr aufgrund von Treibstoffproblem ab, klinkte ihre Last über Cochem aus und kehrte zurück. Bis 22:57 Uhr waren 17 der Tallboy Bomben über Lützkendorf abgeworfen. Die Bomben rasen aufgrund ihres enormen Gewichts fast in Ãœberschallgeschwindigkeit zu Boden und bohren sich mit ihrer Stahlspitze bis in eine Tiefe von 30m. Die 2,4t Torpex-Sprengstoffladung explodierte dann jedoch erst später nach 30 bis 60 Minuten nach Angriffsende, um die Löscharbeiten bis dahin zu verhindern und so die Wirkung noch zu verstärken, andererseits den anderen angreifenden Maschinen nicht die Sicht zu nehmen.

Eine dieser Tollboy-Bomben ist jedoch nicht explodiert. Das Kopfstück der Bombe ziert heute noch ein Mahnmal an der ehemaligen Verwaltung in Krumpa, unweit ihrer Fundstelle. Dieser Tallboy wurde wahrscheinlich nicht mehr aus der notwendigen Höhe von 6.000m abgeworfen, da sich die Spitze nicht nach unten ausrichtete und die Bombe sich nicht in den Boden bohrte und explodierte, sondern auf der Oberfläche zerbrach. Vielleicht hatte die Bomberbesatzung Probleme aufgrund der massiven deutschen Luftverteidigung. Sie flogen nachts. Zwar sollten gegen die Nachtjäger der Luftwaffe die zahlreichen Maschinengewehre am Bug und Heck sowie oben und unten am Rumpf der viermotorigen Maschine helfen, die ebenfalls die enorme Flughöhe der Lancaster erreichen konnten. Doch gegen die Flugabwehrkanonen konnten weder die Maschinengewehre noch die Flughöhe etwas ausrichten. Insgesamt kamen in dieser Nacht 6 der Lancaster-Bomber dieser Staffel nicht zurück.

Der Heckschütze Sgt. Elias Williams wird später berichten:

"Unser Flugzeug wurde durch Flak-Beschuss wenige Minuten nach dem Bombenabwurf getroffen und fing sofort Feuer. Ich hörte den Befehl des Piloten zu springen. Auch hörte ich Hilferufe aus dem vorderen Teil des Flugzeuges. Ich konnte keinen anderen Fallschirm sehen. Die Deutschen gaben mir keine Informationen über die restliche Crew. Das Flugzeug stürzte etwa 10 Meilen von Lützkendorf ab." (Absturzstelle Kapellendorf)

Glück im Unglück, fanden den Abgestürzten deutsche Soldaten. Nach dem er verhört worden ist, brachten sie ihn nach Jena. Dort wurde ihm sein Siegelring vom Finger geschnitten. Er wurde wegen seines Vornamens Elias gefragt, ob er Jude ist. Er sagte ihnen, dass er Waliser ist und sie sperrten ihn zu anderen Kriegsgefangenen. Unglücklicher gelangte am 11. April der Todesmarsch der Buchenwaldhäftlinge nach Jena. Bevor dieser weiterzog mußte der Unglückliche sich dort einreihen und marschierte die nächsten 8 Tage gemeinsam mit den Kriegsgefangenen und den KZ-Häftlingen hungernd und verletzt gen Osten.

Ein französischer Arzt versorgte seine Wunden mit Papierbandagen. Eines Nachts dann hörte er intensives Maschinengewehrfeuer und in den frühen Stunden des nächsten Morgens stießen sie auf die ersten Panzer Pattons 3. US-Armee. Da er aber seine Fliegerjacke abgenommen bekommen hatte und nur Lumpen trug, hatte er einige Probleme, den ihn bewachenden G.I. zu erklären, dass er ein Mitglied der abgeschossenen Crew der Lancaster NG235, WS-H der Royal Air Force ist.Er überlebte. Nicht so aber seine Kameraden. Der gerade erst 21 jährige australische Pilot, Captain Bernard Woolstencroft aus Victoria schaffte es nicht, die Maschine auf dem Feld zu landen. Er starb in der brennenden Maschine. Ebenso der Flugingenieur Sgt. William Charles und der ebenfalls australischen Navigators, Sgt. Lindsay Arthur Bayley aus Neusüdwals.

Der 20 jährige Bombenschützen Christopher Paul Wyeth Warren aus Shawford, Hampshire, England, der Maschinengewehrschütze Sgt. Leslie Robinson und der auch nur 20 jährigen Schütze Sgt. Geoffrey Terence Greenwood aus Bradford, Yorkshire, England stürzten mit der Maschine neben dem Asperteich und verfehlten Kapellendorf damit nur knapp. Mehrere Tage brannte das Wrack dort aus. Die Toten wurden auf dem Friedhof der evangelischen St. Bartholomäus Kirche in Kapellendorf bestattet. Im Jahr 1948 wurden die Leichname umgebettet und liegen heute auf dem britischen Soldatenfriedhof in Berlin-Charlottenburg, Gräber 7.D 1,2,3,4-6.

Mit freundlicher Unterstützung von Roy Fischer, Kapellendorf